Dr. Leo Navratil

Psychiater

* 1921   † 2006

 

Lebenslauf

Leo Navratil wurde am 3. Juli 1921 in Türnitz, Niederösterreich, geboren. Mit seiner Ehefrau Erna bekam er 1950 den gemeinsamen Sohn Walter. Dieser widmete sich wie sein Vater der Art brut.

Bekannt und berühmt ist Leo Navratil für “Das Haus der Künstler”, das nunmehr ein internationales Renommee genießt. Begonnen hat sein Wirken an der Landesnervenheilanstalt Maria Gugging bei Klosterneuburg schon im Jahre 1946. Ab 1956 bekleidete er die Funktion eines Primars.

Förderer vieler Künstler

Leo Navratil war es ein Anliegen, eine Methodik zu finden, mit der er seine Patienten, die psychische Einschränkungen stärkeren Ausmaßes aufwiesen, besser diagnostizieren und therapieren konnte. So ließ er sie zeichnen und malen. Es stellt sich bald heraus, dass sehr viel künstlerisches Potenzial in ihnen steckte. Dementsprechend wurde die Beschäftigung mit seinen Künstlern die große Lebensaufgabe des Psychiaters Leo Navratil.

Zunächst wirkten die Künstler - übrigens ausnahmslos Männer - in aller Stille in Gugging. Leo Navratil war es wichtig, besonders verdiente Maler und Zeichner sowie Dichter aus ihrer Anonymität heraustreten zu lassen. Eine erste Ausstellung initiierte er im Jahre 1970 in der Galerie nächst St. Stephan in Wien. Schließlich mussten einige juristische Hürden überwunden werden, die insbesondere mit dem Arztgeheimnis zusammen hingen, ehe die Künstler aus der Anonymität heraustreten konnten und Eintritt in die offizielle Kunstwelt fanden.

Leo Navratil schrieb viele Bücher, die sich mit Kunst und Zusammenhängen mit psychischen Störungen auseinander setzen. Er war Entdecker der Maler Johann Hauser, Oswald Tschirtner und August Walla sowie des Dichters Ernst Herbeck.

Das Leben: Ein Gedicht von Ernst Herbeck

Das Leben

Das Leben ist schön
schon so schön als das Leben.
Das Leben ist sehr schön
das lernen wir; das Leben;
Das Leben ist sehr schön.
Wie schön ist das Leben.
Es fängt schön an das Leben.
So (schön) schwer ist das es auch.

"Haus der Künstler", Pionierarbeit für die art brut

Leo Navratil war insgesamt 40 Jahre, bis zum Jahr 1986, als Arzt am Niederösterreichischen Landeskrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie tätig. Sein Einsatz für die Art brut ist beispielgebend dafür, Menschen die Möglichkeit zu eröffnen, ihren inneren Kern frei zu legen, und durch künstlerische Freiheit zu einem sonst kaum erwartbaren Selbstbewusstsein zu gelangen.

Das eigentliche “Haus der Künstler” wurde 1981 auf dem Gelände des Gugginger Krankenhauses unter dem Namen Zentrum für Kunst- und Psychotherapie gegründet. Navratils Nachfolger Johann Fellacher benannte es in seinen jetzigen Namen um. Seit 1994 gibt es im Erdgeschoß des Krankenhauses eine eigene Galerie. Von besonderer Bedeutung ist das 2006 etablierte “Museum Gugging”, das ganz den Gugginger Künstlern gewidmet ist. Wechselausstellungen zeigen das ganze Jahr über Arbeiten einzelner Künstler oder eine Auswahl der Arbeiten verschiedener Künstler.

Die Gugginger Künstler arbeiten nunmehr in einem offenen Atelier, das offen für alle ist, die sich kreativ betätigen möchten. So gibt es auch immer wieder internationale Gäste.

Die Arbeit von Leo Navratil hat einen Prozess in Gang gesetzt, der bis heute und weit darüber hinaus nachwirkt. Er hat für die Art brut Pionierarbeit geleistet.

Leo Navratil über die Faszination der kunsttherapeutischen Arbeit mit seinen Patienten

"Was mich an der kunsttherapeutischen Arbeit mit meinen Patienten so besonders fasziniert hat, war dreierlei: Es war erstens die Entstehung ihrer Werke. An diesem Entstehungsprozeß war ich beteiligt - nicht als "Mitautor", aber als unerläßlicher Anreger und Beobachter. (...) Das zweite Faszinosum meiner Arbeit mit den Patienten war das Interesse der Künstler und Kunstinteressierten an den dabei entstandenen Zeichnungen. Die Zeichnungen der Patienten waren plötzlich nicht nur für mich als Psychiater von Bedeutung, sondern sie waren künstlerisch interessant. (...) Der Verkauf von Arbeiten der Patienten (...) ist in erster Linie eine Anerkennung ihrer Leistung. Darin lag für mich das dritte Faszinosum, und zwar ganz aus der Perspektive der Psychiatrie, nicht aus jener der Ästhetik. Wenn psychisch behinderte und kranke Menschen imstande sind, eine neue Art von Kunst zu schaffen, dann muß das unseren Blickwinkel verändern, dann sind die in den psychiatrischen Anstalten lebenden Menschen nicht mehr bloß Hilfsbedürftige, sondern aktive Mitglieder der Gesellschaft (...)"

(Auszug des Vorworts zu seinem Buch "Art brut und Psychiatrie. Gugging 1946-1986" )

Ehrungen

1983: Hans-Prinzhorn-Medaille der Deutschsprachigen Gesellschaft für Kunst & Psychopathologie des Ausdrucks e.V. (DGPA)

1990: Justinus-Kerner-Preis in Würdigung seines schriftstellerischen und ärztlichen Lebenswerkes

Werke

Schizophrenie und Kunst, dtv, München 1965, überarbeitete Neuausgabe
Schizophrenie und Sprache, dtv, München 1966
a+b leuchten im Klee. Psychopathologische Texte, Hanser, München 1971
Über Schizophrenie und die Federzeichnungen des Patienten O.T., dtv, München 1974
Johann Hauser. Kunst aus Manie und Depression, Rogner & Bernhard, München 1978
Gespräche mit Schizophrenen. dtv, München 1978; NA: Gespräche mit Schizophrenen: die Gugginger Künstler Hagen Reck, Ernst Herbeck, Karl R., Aurel, Max, Edmund Mach, Johann G., August Walla, Josef B., Oswald Tschirtner, Hans Grausam, Paranus, Neumünster 2000
Ernst Herbeck: Alexander. Ausgewählte Texte 1961–1981 (Nachwort von Leo Navratil), Residenz, Salzburg 1982
Die Künstler aus Gugging, Medusa, Berlin / Wien 1983
Schizophrenie und Dichtkunst, dtv, München 1985
August Walla, sein Leben und seine Kunst, Greno, Nördlingen 1988
Schizophrenie und Religion, Brinkmann & Bose, Berlin 1992
Die Überlegenheit des Bären. Theorie der Kreativität, Arcis, München 1995
Die Gugginger Methode: Kunst in der Psychiatrie (= Monographien zur Kunsttherapie, Band 1). G. Fischer, Ulm / Stuttgart / Jena / Lübeck 1998
Art brut und Psychiatrie: Gugging 1946 - 1986, Kompendium, 2 Bände, Brandstätter, Wien 1999:
Teil 1: Art brut und Psychiatrie.
Teil 2: Künstler und ihre Werke.
Manisch-depressiv: zur Psychodynamik des Künstlers, Brandstätter, Wien / München 1999
Ernst Herbeck, die Vergangenheit ist vorbei. Hgg. von Carl Aigner und Leo Navratil. Kunsthalle Krems, Brandstätter, Wien 2002

Tod und letzte Ruhestätte

Leo Navratil starb am 18. September 2006 an den Folgen eines Schlaganfalls in einem Krankenhaus in Wien. Seine letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Friedhof Gersthof.

"Haus der Künstler"

Das Grab auf dem Friedhof Gersthof

Weblinks

Wir erinnern uns

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